Monatsarchiv für May 2010

 
 

Geht in die Beine

Was früher Swing war, heißt heute Groove: ein Gespür für den Rhythmus, wo jeder mit muss. Das Idstein JazzFestival vom 11. bis 13. Juni 2010 bietet eine reiche Palette an groovenden Bands ganz unterschiedlicher Couleur, die eins gemeinsam haben: Ihre Musik erhöht den Puls und geht in die Beine.

Glatze, Rauschebart, Sonnenbrille. Schon optisch macht der Saxofonist Albie Donnelly mächtig was her, aber auch musikalisch sind er und seine Band Supercharge kriminell gut. Schon seit Jahrzehnten zählt die Gruppe mit ihrem authentischem, jazzbeeinflussten Rhythm & Blues zu den Aktivposten auf den Bühnen Europas.

Leute, die Albie Donnelly’s Supercharge schon mal live gesehen haben, berichten darüber wie über ein Naturereignis. Die deutsch-englischen Musiker entpuppen sich als gut geölte, zwingend swingende Soul-Maschine, die von ihrem Herrn und Meister mit heiserem Bluesgesang und ekstatischen Sax-Einlagen im Stile eines King Curtis nach vorne gepeitscht wird. Dazu kommt noch der britische Humor, mit dem der gebürtige Liverpooler Donnelly und seine Groove-Gang ihre Schau spicken. Spätestens nach einer halben Stunde, so heißt es, frisst ihm das Publikum aus der Hand.

Ganz andere Saiten zieht Timo Gross auf. Der junge Pfälzer Gitarrist hat seine Seele ganz dem Blues verschrieben, er spielt akustischen Bluegrass und elektrischen Funk à la Jimi Hendrix mit gleicher Hingabe. Wenn Gross und seine Begleiter Michael Sigwart (Schlagzeug) und Frowin Ickler (Bass) loslegen, fühlt man sich von Wolfsbach und Wörsbach ins schwüle Mississippi-Delta versetzt. „Dieses Trio startet da, wo andere ihre Zugaben geben,“ loben Kritiker.

Einen modernen Acid-Jazz pflegt die Wiesbadener Soulformation candycream. Schon 2005, im Jahr ihrer Gründung, gewann die Band den „Deutschen Rock & Pop“-Preis in der Kategorie Funk und Soul, sie tourten bereits vor Lionel Ritchie und Earth, Wind & Fire. candycream verbinden zeitgemäßen Soul mit coolen Jazzakkorden und dem Anspruch, verstanden zu werden: Ihre Sängerin Miriam Skroban überzeugt mit deutschen Texten.

Daneben gibt es noch zahlreiche weitere Bands, die einen Trend zum erdverbundenen Souljazz bestätigen, mal in der elektronisch-knackigen Variante wie etwa superfro, mal hübsch vertrackt wie das Florian Werther Quartett, mal eingängig verpoppt wie Corpus Deluxe. Auch die Zugpferde des Festivals Max Mutzke oder Cécile Verny sind letztlich Sterne aus der weiten Groove-Galaxie, so verschieden ihre musikalische Koordinaten auch sein mögen.

Übrigens: Groove geht in die Beine, aber er kann aber auch ganz leicht und lässig daher kommen – wenn ihn Profis wie zum Beispiel Hotel Bossa Nova zelebrieren. Das Wiesbadener Jazzquartett um die indisch-portugiesische Sängerin Liza da Costa schmeichelt dem Ohr mit entspannten Interpretationen der schicken Lounge-Klassiker eines Tom Jobim, mit mediterranem Fado, Flamenco und Samba. Auch für Latin-Fans hat Idstein einiges in petto.

Albie Donnelly’s SUPERCHARGE. Sonntag, 13.06., 17.30 Uhr, vr bank-Bühne Rathaus
Timo Gross Band. Samstag, 12.06., 21.45 Uhr, Bühne Obergasse
candycream. Freitag, 11.06., 20.15 Uhr, vr bank-Bühne, Rathaus
Florian Werther Quartett. Samstag, 12.06., 15.45 Uhr, Bühne Börnchen
Corpus Deluxe. Sonntag, 13.06., 15.45 Uhr, Bühne Börnchen
Hotel Bossa Nova. Samstag, 12.06., 21.45 Uhr, Bühne Börnchen

Weitere Informationen beim Verkehrsverein Idstein e.V., Tel.: 06126/78-614, E-mail: jazzfestival@idstein.de.
Das komplette Festivalprogramm finden Sie im Internet unter www.idstein-jazzfestival.de

Unterstützt wird das Idstein JazzFestival von der Naussauischen Sparkasse, der Süwag Energie AG und der Fraport AG.

Jazz-Delikatessen

Herausragende Solisten wie der amerikanische Saxofonist Greg Abate machen das Idstein JazzFestival vom 11. bis 13. Juni 2010 zum Anziehungspunkt für Kenner. Aber auch deutsche Virtuosen wie Thomas Bachmann, Sebastian Laverny oder Heinz-Dieter Sauerborn beweisen mit ihren Projekten internationale Klasse. Ein Überblick.

Er ist ein Großer des zeitgenössischen Jazz. Hard-Bop-Spezialist Greg Abate hat sich seit seinen Tagen als Begleitmusiker von Ray Charles einen hervorragenden Ruf als Alt- und Tenorsaxofonist, wie auch als Querflötist erspielt. Auch mit 63 Jahren präsentiert sich der einstige Berkeley-Absolvent immer noch als „kompromissloses Musik-Kraftwerk“ in der Erbfolge eines Charlie Parker und John Coltrane, urteilen US-Kritiker.

Abate ist ein Globetrotter des Jazz, der regelmäßig bis zu 150 Konzerte im Jahr spielt. Unter Musikern schon fast legendär ist seine Angewohnheit, sich erst zehn Minuten vor einem Konzert vorzubereiten. „Ich spiele einfach, und was immer passiert, es ist frisch, innovativ, Jazz-im-Jetzt,“ erklärt der Spontan-Virtuose.

Risikobereitschaft und Kreativität können auch seine Mitspieler beweisen: Bisweilen verteilt der Meister seine Noten erst in dem Moment, wo es auf die Bühne geht. Eine inspirierende Herausforderung also für seine Begleitband um den Klavierspieler Jay Hatch, der sich mit erwachsenem Modern Jazz und ausgedehnten Improvisationen Respekt erworben hat. Für Laien ist es kaum vorstellbar, dass eine derart anspruchsvolle und komplizierte Musik quasi auf Zuruf entstehen kann. Das aber ist die Quelle für jene Intensität und spontane Leidenschaft, die großen Jazz auszeichnet.

Das Idstein JazzFestival hat daneben auch viele herausragende deutsche Künstler zu bieten, die alle Qualitätsjazz auf Spitzen-Niveau demonstrieren. Zum Beispiel das Trio Sauerborn (Saxofon), Höhn (Kontrabass) und Sperrfechter (Gitarre): Jeder der drei ist eine Koryphäe an seinem Instrument, zusammen zelebrieren sie eigenwillig interpretierte Standards und delikate Eigenkompositionen in wunderbar reduzierter Eleganz.

Oder der Dave-Liebman-Schüler Thomas Bachmann, ein hessischer Saxofonist, der seit Jahren instrumentale Akkuratesse zu Gehör bringt, ohne sich musikalische Scheuklappen anlegen zu lassen. Auf seiner neuesten CD verfremdet der Melodiker Beatles-Songs in neuer, ungewohnter Klang-Ästhetik.

Einen ganz anderen Weg schlägt das Sebastian Laverny Quartett ein: Es verbindet den Swing des Jazz mit der expressiven Dynamik klassischer Musik. Erst vor einem Jahr gegründet, machte das Quartett bereits mit technisch anspruchsvollen, aber durchaus gewitzt vorgetragenen Standards und Eigenkompositionen zwischen Bach und Oscar Peterson von sich reden. Initiator und Namensgeber des Projekts ist „Tastentier“ Laverny, Leiter des Staatstheater-Chors in Mainz, ein vielbeschäftigter Arrangeur und Komponist (schrieb u. a. Eine Krimi-Oper!).

Es gibt also einiges zu entdecken in Idstein – die ganze Lebendigkeit und künstlerische Vielfalt des aktuellen Jazz.

Greg Abate Quartett. Samstag, 12.06., 21.00 Uhr, Fraport-Bühne, Rodergasse
Sauerborn Höhn Sperrfechter. Sonntag, 13.06., 12.15 Uhr, Bühne Höerhof
Thomas Bachmann Group. Samstag, 12.06., 15.45 Uhr, Bühne Obergasse
Sebastian Laverny Quartett. Samstag, 12.06., 15.00 Uhr, Fraport-Bühne, Rodergasse

Weitere Informationen beim Verkehrsverein Idstein e.V., Tel.: 06126/78-614, E-mail: jazzfestival@idstein.de.
Das komplette Festivalprogramm finden Sie im Internet unter www.idstein-jazzfestival.de

Unterstützt wird das Idstein JazzFestival von der Naussauischen Sparkasse, der Süwag Energie AG und der Fraport AG.