Monatsarchiv für May 2009

 
 

Mut zum Feingefühl

 

Virtuos und facettenreich amalgamiert das David Orlowsky Trio traditionellen Klezmer mit Jazz und Kammermusik.

 

Jeden Sommer hat Idstein noch weit mehr zu bieten als seine historischen Architekturschätze. Dann zieht das Idstein JazzFestival die Freunde der improvisierten Musik von weither in das Taunusstädtchen zu einer feinen Open-Air-Konzertreihe, die sich einen bemerkenswerten Rang im deutschen Festivalkalender erspielt hat. Und auch in diesem Jahr werden die Gastspiele vom 10. bis 12. Juli 2009 dem Anspruch des Festivalleiters Frank Reichert gerecht, „Musik, bei der der Funke überspringt“, zu präsentieren. Ein Höhepunkt ist den Jazz-Fans sicher: der Auftritt des David Orlowsky Trios.

 

Der Sound dieser drei Musiker, die scheinbar mühelos Klezmer, Jazz und Klassik fusionieren, gilt nicht nur bei Kritikern als innovativ – er fasziniert Musikfans in aller Welt. Dass die Formation um den Klarinettenvirtuosen David Orlowsky für ihr Debütalbum „Noema“ 2008 den „Echo“ in der Kategorie „Klassik ohne Grenzen“ gewann, spricht vor allem für ihre Lust am Experiment.

 

„Klezmer ist der Ursprung unserer Musik. Es kamen dann immer mehr Einflüsse aus Klassik und Jazz hinzu. Geblieben ist eine folkloristische Klarheit und eine einfache, melodiöse Struktur. Daraus entstand eine Kunstmusik mit einer klanglichen und rhythmischen Komplexität, die dennoch leicht verständlich ist. Aus unserer Sicht ist es ,Chamber World Music ‘“, sagt David Orlowsky.

 

Bereits als 16-Jähriger wurde er von Altmeister Giora Feidman entdeckt. Mittlerweile ist der Endzwanziger mehrfacher Preisträger des Wettbewerbs „Jugend musiziert“ und zählt zu den gefragten Klarinettisten seines Fachs. Zusammen mit Florian Dohrmann gründete er 1997 das Ensemble zunächst unter dem Namen David Orlowskys Klezmorim. Mit der Umbenennung in David Orlowsky Trio öffnete er sich stärker anderen musikalischen Traditionen. Die Neigung zum Klezmer blieb jedoch der rote Faden.

 

Klezmer, diese schwungvolle Musik voller Lebensfreude, spielen osteuropäische Juden traditionell zu Familienfesten und Hochzeiten. Ein Fest wird auch das Konzert des David Orlowsky Trios beim 25. Idstein JazzFestival sein. An Live-Erfahrung mangelt es David Orlowsky, Florian Dohrmann (Kontrabass) und Jens-Uwe Popp (Gitarre) nicht, ihre Konzerte gelten als Ereignisse. Selbst der Auftritt vor dem verwöhnten Publikum der New Yorker Carnegie Hall im Dezember 2008 endete mit Standing Ovations. Idstein kann sich auf einen magischen Abend freuen.

 

David Orlowsky Trio: Sa., 11.7.2009, 21.00 Uhr; Bühne C – Süwag Energie Bühne

 

Weitere Informationen beim Verkehrsverein Idstein e.V., Tel.: 06126/78-614, e-Mail: jazzfestival@idstein.de. Das komplette Festivalprogramm finden Sie auch im Internet unter www.idstein-jazzfestival.de.

 

Traumfrau erfindet sich neu

 

Vom Rock’n’Roll über Musicals zum Jazz: Helen Schneider spielt auf der Klaviatur der Emotionen und verleiht Evergreens von Cole Porter, Duke Ellington oder Ella Fitzgerald neue Intensität.

Mit Helen Schneider präsentiert das 25. Idstein JazzFestival vom 10. bis 12. Juli 2009 einen attraktiven Star, der sich im Verlauf einer langen, erfolgreichen Karriere immer wieder neu erfinden konnte. Viele kennen die gebürtige New Yorkerin noch als Rocksängerin in schwarzem Leder, als Frontfrau einer punkigen Begleitband namens „The Kick“. Mit dem lasziven Song „Rock’n’Roll Gypsy“ rauscht sie in den 80ern geradewegs in die Top 10, tourt zusammen mit Udo Lindenberg durch die Republik. 1982 wird sie von der deutschen Phono-Akademie als Sängerin des Jahres ausgezeichnet – ihr blendendes Aussehen hat ihr dabei bestimmt nicht geschadet. Sie ist dann auch die erste westliche Künstlerin, die im Ost-Berliner Palast der Republik auftreten darf.

Doch bald wird ihr der Rock’n’Roll-Zirkus zu langweilig. Helen Schneider will sich weiter entwickeln. Im Berliner Theater des Westens wird sie fündig und spielt ab 1987 die Rolle der Sally Bowles im Musical „Cabaret“, an der Seite von Hildegard Knef. Es folgen weitere hochkarätige Musical-Rollen wie „Sunset Boulevard“ oder „Evita“. Zwischendrin nimmt sie eine Platte mit Liedern des Brecht-Komponisten Kurt Weill auf: „Take a Walk On The Weill Side“. Anfang des neuen Jahrtausends entwickelt sie eine One-Women-Show mit Klavierbegleitung: „A Voice and A Piano“. Nebenbei veröffentlicht das Multitalent auch noch ein Kinderbuch. 

2008 überrascht Helen Schneider mit ihrem Album „Dream A Little Dream“, das von Startrompeter Till Brönner produziert wurde. Darauf widmet sich Helen Schneider amerikanischen Standards aus dem „Great American Songbook“, erweckt Evergreens wie „Sway“ oder „Love For Sale“ zu neuem Leben. Der Titelsong wurde bekannt durch die Flower-Power-Version von Cass Elliott, stammt aber aus den frühen 1930er-Jahren.

Für ihre treuen Fans sind das neue Klänge, für sie selbst ist es eher eine Rückkehr zu den Wurzeln: „Ich wurde als klassische Konzertpianistin ausgebildet“, verrät die 56-Jährige in einem Interview. „Als ich 15 oder 16 war, fing ich an, mit Blues herumzuprobieren. Und spielte neben meinen Etüden immer wieder Jazzstandards – um mich zu befreien, zu entspannen.“ Man hört das heute noch an der enormen Leichtigkeit und Selbstverständlichkeit ihrer Interpretationen von Cole Porter, Duke Ellington oder Ella Fitzgerald.

Keine Frage: Helen Schneider liebt den Jazz. Doch als Sängerin legt sie auch großen Wert auf Texte, die Lieder ihres aktuellen Programms versteht sie als Monologe und Geschichten. Diese Frau hat was zu sagen.

Helen Schneider: Sa., 11.7., 22.00 Uhr; Bühne L – Fraport-Bühne

Weitere Informationen beim Verkehrsverein Idstein e.V., Tel.: 06126/78-614, e-Mail: jazzfestival@idstein.de. Das komplette Festivalprogramm finden Sie auch im Internet unter www.idstein-jazzfestival.de.

Kriminell gut

Die „Kölner Saxophon Mafia“ zählt seit Jahren zu Europas führenden Instrumentalensembles. Die humorigen Virtuosen sind eins der Highlights des 25. Idstein JazzFestivals vom 10. bis 12. Juli 2009.

Im November 1981 stürmen sechs Männer eine Nebenbühne der Musikhochschule in Köln, bewaffnet mit viel Mutwillen und Instrumenten, die ursprünglich aus der Militärmusik stammen – Saxophonen. Nichts weniger als die „saxuelle Befreiung“, so wird bald eine ihrer ersten Platten heißen, treibt die Jazz-Guerrilla an. Dabei geht es den Gründungsmitgliedern Wollie Kaiser und Joachim Ullrich nicht nur um die sexy Aura des Saxophons, sondern vor allem um die Befreiung vom Korsett einer Rhythmusgruppe, die im Jazz wie im Rock typischerweise für Swing und Groove sorgt. Und mehr: Jedes Instrument soll gleichberechtigt sein, Improvisationen und ausgeklügelte Arrangements sollen sich mischen. Brüche sind erwünscht, Humor sowieso.

Seither hat die „Kölner Saxophon Mafia“ eine beeindruckende Entwicklung hingelegt, zahlreiche renommierte Preise gewonnen und sich eine große stilistische Vielfalt erarbeitet. Neben der gesamten Sax-Familie, vom mächtigen Subkontrabass- bis zum ebenso winzigen wie anspruchsvoll zu spielenden Soprillosaxophon, nutzt das heutige Quartett auch Klangfarben von Klarinetten und Flöten. Vor allem aber haben die Musiker über viele Jahre hinweg ohne jede Berührungsangst  wilde Free-Jazz-Ausbrüche mit kammermusikalischer Raffinesse und Streifzügen durch die Welt- und Popmusik miteinander verbunden.

Auf der CD „Space Player“ etwa erschaffen die Blasvirtuosen einen vertrackten Sci-Fi-Sound, der an die berühmte Filmmusik zum „Planet der Affen“ denken lässt. Dafür gab’s den „Preis der Deutschen Schallplattenkritik.“ In ihrem jüngsten Werk, „Nur nicht aus Liebe weinen“, verfremden Sie zusammen mit der Sängerin Élodie Brochier Operettenmelodien zu eingängigem, und dennoch widerhakigem Avantgardeswing. Was alle ihre musikalischen Expeditionen auszeichnet: der Wille Genregrenzen aufzubrechen, und ihre enorme Virtuosität, die sich freilich nie in den Vordergrund spielt.

Mit dem Auftritt der „Kölner Saxophon Mafia“ erlebt das 25. Idstein Jazz-Festival zum Schluss noch einmal einen Höhepunkt auf der Hauptbühne. Joachim Ullrich, inzwischen Jazzprofessor in Köln, und seine Mitstreiter Roger Hanschel, Wollie Kaiser und Steffen Schorn zählen dank ihrer brillanten Spielkultur zu den großen deutschen Kreativjazz-Formationen. Ein Abend mit ihnen besitzt hohen Unterhaltungswert sowohl für Kenner als auch für alle, die einfach nur neugierig auf unkonventionelle Töne sind.

 

Kölner Saxophon Mafia: So., 12.7., 17.30 Uhr; Bühne A

Mit Verve und neuem Schwung

Das Idstein JazzFestival feiert Jubiläum. Die 25. Ausgabe der Musikveranstaltung beschert dem Publikum hochkarätige Glanzlichter der deutschen Szene, aber auch regional erprobte Stimmungsmacher. Junge Hörer/innen können sich über spannende Künstler aus dem Bereich „Nu Jazz“ freuen.

 

Hexenturm, Unionskirche und Killingerhaus sind immer eine Reise wert. Vom 10. bis 12. Juli 2009 aber lohnt es sich, zur Reise nach Idstein noch zwei Übernachtungen zu buchen. Denn dann finden Musikfans ihr Blue-Note-Mekka in der mittelalterlichen Stadt im Taunus. Gleich zehn Bühnen verteilen sich auf die gepflasterten Plätze und Gassen der Fachwerk-Altstadt. Das 25. Idstein JazzFestival bietet ein Riesenprogramm, in dem sich von der Ein-Mann-Combo bis zur elefantösen Big Band die ganze Bandbreite des zeitgenössischen Jazz spiegelt. 

„Wir können dieses Jahr attraktive Highlights bieten“, schwärmt der künstlerische Leiter Frank Reichert. „Zum Beispiel einen international gefeierten Star wie Helen Schneider.“ Die bekannte Rockröhre überraschte vor kurzem mit einer flotten Jazzplatte, produziert vom Startrompeter Til Brönner. Ein weiterer Top-Act ist das „David Orlowsky Trio“, das mit seiner feinsinnigen „Welt-Kammermusik“ den Echo-Preis 2008 gewann. Die „Kölner Saxophon Mafia“ zählt schon seit Jahren zur europäischen Creme der Instrumentalszene. Dagegen debütierte das „Julian & Roman Wasserfuhr Quartet“ erst vergangenes Jahr mit einer vielbeachteten CD. Seitdem werden die blutjungen Brüder als Hoffnungsträger des deutschen Jazz gehandelt.

 Die stilistische Bandbreite der über fünfzig Festival-Kapellen ist enorm, sie reicht von Dixieland-Gassenhauern über glamourösen Swing, intellektuellen Jazz bis hin zu Latin, Soul und Chanson. Viel Zulauf dürfte hier der Schlagerstar Peter Petrel finden, der sich mit dem Gitarristen Lulo Reinhardt zusammen getan hat. Amüsant wird auch der Auftritt des erfolgreichen Kabarettisten Lars Reichow, der zusammen mit der „Phoenix Foundation“ auf den Spuren eines Frank Sinatra wandeln will. Diese und andere Projekte bestätigen einen aktuellen Trend: hin zum Entertainment für den Kopf – und die Füße. Mal nostalgisch, mal humoristisch, aber immer gekonnt. Bei den Fans des traditionsreichen Festivals wird das sicher gut ankommen.

 Daneben geht Programmmacher Reichert aber auch ungewohnte, neue Wege. „Wir möchten diesmal auch vermehrt junge Leute ansprechen, mit jungen Projekten aus der sogenannten Nu Jazz-Szene.“ Dazu zählen Formationen, die ohne Berührungsängste auch neue Einflüsse aus der elektronischen Musik, aus Latin, Lounge oder Folk mit dem Jazz-Idiom verschmelzen. Wie etwa die Freygish Brothers mit ihrer Klezmer-Fusion, das „Thomas Siffling Trio“ mit entspanntem easy-Jazz, oder „Jojo Effect“, die unter anderem auf den populären „Cafe del Mar“-CDs vertreten sind. Die Berliner „2 Fishes in the big big Sea“ vertreten die etwas experimentellere Fraktion, die auch den Labtop als Instrument einsetzt. Für die Kids wiederum, die einfach mal so richtig abrocken wollen, zelebrieren „Ich bin bunt“ aus Mainz eine wilde Mixtur aus Pop, Rap und Reggae.

 

Fazit: Das 25. Idstein JazzFestival lockt mit Qualität, echten Publikumsmagneten, und dem Reiz, immer wieder etwas Neues entdecken zu können. Das alles in einmaliger Altstadt-Atmosphäre.